Als ich aufwache, herrscht gespenstische Stille an Bord. Es ist gut eine halbe Stunde bis zum offiziellen Wachwechsel und alle anderen im Vorschiff scheinen noch zu schlafen. Aber auch das Schiff selbst regt sich nicht. Kein Geräusch von Wellen ist zu hören, kein sanftes Schaukeln des Schiffsrumpfs zu spüren.

Der Wind ist eingeschlafen. Als ich an Deck komme, liegt das Meer fast unbewegt da. Die meisten Segel sind eingeholt, nur zwei der Vorsegel und die Rahsegel hängen wie nasse Zeitungen von den Masten. Im Top leuchtet rot über rot, das Lichtsignal, das anderen Schiffen anzeigt, dass wir nur eingeschränkt oder gar nicht manövrieren können.

Alles Hoffen, dass der Wetterbericht vielleicht doch irrt, war umsonst. Die Flaute kam später als erwartet, aber das spielt kaum eine Rolle, denn ob wir 100 oder nur 10 Meilen vor dem Ziel nicht mehr voran kommen, macht für unsere Ankunft keinen Unterschied. Und die scheint sich immer weiter zu verzögern.

Nichts ist mehr geblieben von dem Optimismus, der sich Anfang der Woche noch gezeigt hat. Seit wir vor der Westküste Portugals segeln, scheint es wie verhext zu sein. Zuerst drehte der Wind nach Süd und zwang uns einen weiten Schlag nach Westen zu machen. 24 Stunden, in denen wir im Grunde kaum in unsere Richtung fahren konnten. Dann drehte der Wind zwar wieder in eine günstigere Richtung, blieb dort aber nur für kurze Zeit und zudem schwach.

Jetzt, kurz vor dem Ziel, ist der Wind ganz eingeschlafen. Wir treiben dahin und können im Grunde nichts tun, nur abwarten. Und im Hinterkopf beginnt man unvermittelt zu rechnen. Wir sind noch 70 Meilen von Setubal entfernt. Wenn der Wind jetzt sofort wieder zunimmt und wir mit fünf Knoten voran kommen, dann brauchen wir noch 14 Stunden. Wir schaffen es nicht rechtzeitig.

Das Ziel, bis Donnerstag in Setubal zu sein, ist schon lange verworfen. Dafür hätte tatsächlich alles glatt gehen müssen. Jetzt ist Freitag Nacht und eigentlich hatten die meisten an Bord gehofft, es wenigstens bis Samstagabend zu schaffen.

Fast am Ziel sein ist wie fast in der Lotterie gewinnen. Es mag schön klingen, aber im Grunde bedeutet es gar nichts. Bis zum Ende der Wache ändert sich nichts an unserer Situation. Wir dümpeln auf der Stelle. Die Wache nach uns bringt einen Hauch von Wind, der aber so unbeständig ist, dass sich nach vier Stunden zwei wunderschöne Kringel auf dem Kartenplotter abzeichnen. Vorangekommen sind wir die ganze Nacht kein bisschen.

Erst der Morgen bringt wieder Fahrt ins Schiff, aber im Grunde ist es dann schon zu spät. Wir werden es auch am Samstag nicht nach Setubal schaffen. Wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes geschieht, erreichen wir die Bucht in der Nacht und müssen dann bis zum nächsten Morgen warten, um in den Hafen einlaufen zu können.

Für einige von uns an Bord bedeutet das, dass sie es nicht rechtzeitig nach Hause schaffen werden, um am nächsten Montag pünktlich auf der Arbeit zu sein. Nervosität macht sich breit. Handys werden gezückt und verzweifelt versucht eine Verbindung zu bekommen. Noch sind wir zu weit von der Küste entfernt.

Gott sei Dank habe ich keine Termine. Und trotzdem möchte ich, so kurz vor dem Ziel, einfach nur ankommen. Im Stau stehen macht keinen Spaß.

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